Depression: WZ-Interview

mit dem leitenden Oberarzt Andreas Schneider über Ursachen und Therapiemöglichkeiten.
 

>>Suizidrate liegt bei etwa zehn Prozent<<

 

Bad Nauheim (cor). Seit über 50 Jahren leistet die Burghof-Klinik in Bad Nauheim ihren Beitrag zur qualifizierten Versorgung von Menschen mit seelischen Krankheiten. Nach dem tragischen Tod von Robert Enke erläutert Andreas Schneider, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, im Gespräch mit der WZ Symptome und Therapiemöglichkeiten. Nicht selten hätten Betroffene und Angehörige Schwierigkeiten, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
 

Herr Schneider, wie viele Menschen leiden in Deutschland an Depressionen? Wie hoch schätzen Sie die Zahl derer, die erkrankt sind, sich aber nicht in ärztliche Behandlung begeben?
 

Andreas Schneider: Im Moment spricht man in Deutschland von etwa acht Millionen Menschen, die an der Krankheit leiden. Das sind ungefähr fünf Millionen Frauen und drei Millionen Männer. Allerdings lassen sich Frauen auch eher behandeln. Die Dunkelziffer ist sicherlich sehr viel höher. Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben an einer depressiven Störung zu leiden, liegt bei 10 bis 20 Prozent. Leider dauert es nicht selten Jahre, bis Betroffenen eine adäquate Behandlung zukommt.
 

Ab wann genau ist von einer Depression die Rede und nicht nur von einer Verstimmung?


Schneider: Wir sprechen von einer Depression, wenn jemand wegen dieser Erkrankung nicht mehr in der Lage ist, seinen normalen Alltag zu bewältigen, wenn man seinen Beruf nicht mehr ausüben kann und krangeschrieben wird, seinen Haushalt nicht mehr versorgen oder seine Freizeitaktivitäten nicht mehr nachgehen kann. Oft wird gesagt, wenn jemand aus dem Umfeld verstirbt, ist man automatisch depressiv. Hier muss unterschieden werden. Ein Trauernder ist niedergeschlagen, stellt sich selber aber nicht in Frage. Wir haben es gerade auch bei Robert Enke gesehen, der an sich selber und an seinen Fähigkeiten gezweifelt hat. Ein depressiver Mensch ist mit seinen Gefühlen nicht mehr für alles zugänglich. Er ist wie auf einer depressiven Autobahn, er sieht nur noch seine negativen Gedanken.


Es wir oft behauptet; depressive Menschen können keine Gefühle zeigen. Wie genau ist das zu erklären?


Schneider: Viele Betroffene verlieren die Freude am Leben und an Aktivitäten, die ihnen früher Spaß gemacht haben. Sie leiden unter dem Gefühl der Gefühllosigkeit. Eine Patientin berichtete mir zum Beispiel, sie wisse eigentlich genau, dass sie ihre Familie liebe, könne dies aber im Moment nicht empfinden. Sie fühle zu ihrem Mann und den Kindern eine Distanziertheit. Die Betroffenen ziehen sich oft zurück und es fällt schwer, eine emotionale Verbindung herzustellen. Sie erleben sich nicht selten als wertlos und uninteressant.


Wie erkenne ich selber, dass ich an einer Depression erkrankt bin?


Schneider: Es ist ja oft so, dass man den Splitter im Auge des anderen eher wahrnimmt als den Balken im eigenen Auge. Häufig ist es das Umfeld, das reagiert, hier stimmt etwas nicht. Allerdings wird der Druck damit oft noch verstärkt. Aussagen wie >>Jetzt reiß dich mal zusammen << sind keine Seltenheit. Die Betroffenen selber fühlen sich dann nicht verstanden und empfinden noch mehr Versagensängste. Man kann für sich selber eine Checkliste machen und sich fragen, was hat sich im Gegensatz zu früher verändert? Habe ich soziale Kontakte aufgegeben, mich zurückgezogen? Habe ich Freizeitaktivitäten aufgegeben? Ist der Spaß an früheren Tätigkeiten nicht mehr vorhanden? Hänge ich negativen Gedanken nach? Zu achten ist außerdem auf körperliche Symptome wie Schlafstörungen, Nervosität, innere Unruhe oder Anspannung. Ebenso können Erschöpfung, Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme Symptome sein.
 

Wie gehe ich damit um, wenn jemand in meinem direkten Umfeld an Depressionen leidet? Der Selbstmord von Robert Enke hat gezeigt, dass erkrankte Menschen oft aus Angst ihre Depressionen verschweigen und sich auch vor ihren Familien verschließen.


Schneider: Wichtig ist, mit Verständnis zu reagieren, jemanden zu entlasten und den Druck zu reduzieren, Gespräche und Kontakte anbieten. Sich nicht abwimmeln lassen. Sicherlich leisten die Hausärzte gute Arbeit. Mit einer empfohlenen Auszeit allein ist einem Erkrankten aber nicht geholfen, wie im Umfeld oft angenommen wird. Hier ist weitere Unterstützung erforderlich. Es muss klar werden, was überhaupt los ist. Oft ist dies den Betroffenen selber, aber auch dem Umfeld gar nicht bewusst, weil es verdrängt wird. Man muss sich mit der Situation auseinandersetzen und herausfinden, was diesen Menschen bedrückt. Depressionen kommen nicht aus heiterem Himmel, sie haben immer einen Grund. Professionelle Hilfe ist gefragt. Leider ist die Hürde, einen Psychiater aufzusuchen, immer noch sehr hoch. Zum einen hängt dies mit der Angst zusammen, stigmatisiert und möglicherweise als verrückt abgestempelt zu werden, zum anderen mit den Vorurteilen, man werde sowieso nur mit Medikamenten vollgestopft oder die Psychiater seien selber verrückt. Auch hier ist die Unterstützung durch das Umfeld wichtig. Der Betroffene sollte bestärkt werden, professionelle Hilfe aufzusuchen.


Was sind die häufigsten Ursagen für diese Erkrankung?


Schneider: Es gibt unterschiedliche Ursachen für eine Depression. Hauptsächlich sind drei Faktoren beteiligt. Da gibt es einmal die erbliche Komponente. Einige Psychiater behaupten sogar, es sei eine reine Stoffwechselerkrankung, bei der, ähnlich wie bei der Zuckerkrankheit, ein wichtiger Botenstoff im Gehirn fehlt. Daher sei eine medikamentöse Behandlung der einzige Weg. Ich glaube aber, es gibt unterschiedliche Formen, deshalb muss die Behandlung individuell abgestimmt werden. Neben einer erblichen Komponente spielen die Lebensgeschichte und die aktuelle Situation des Betroffenen eine wichtige Rolle. In jedem einzelnen Fall haben diese drei Komponenten unterschiedliche Anteile am Entstehen der Erkrankung. Außerdem sollte eine körperliche Ursache wie eine Erkrankung der Schilddrüse oder eine andere Störung des Hormonhaushalts ausgeschlossen werden. Auch einige Medikamente können eine Depression auslösen. Wenn bereits mehrere Familienmitglieder an einer Depression leiden, kann dies ein Hinweis auf einen besonders hohen erblichen Anteil sein. Fakt ist: Bei allen Formen kommt es zu Verarmung verschiedener Botenstoffe im Gehirn, insbesondere von Serotonin. Eine Behandlung mit Medikamenten kann deshalb sinnvoll sein. Aber auch psychodynamische Aspekte müssen betrachtet werden. Das heißt, man muss sich mit der seelischen Entwicklung des Betroffenen, seinen zurückliegenden und aktuellen Beziehungserfahrungen auseinandersetzen. Depressive haben oft frühe Entbehrungserfahrungen in Bezug auf die Beachtung und Anerkennung durch ihre Mutter oder ihren Vater gemacht. Dies kann ein lebenslanges Gefühl des Mangels verursachen. Hieraus resultieren Gefühle von Enttäuschung und Kränkung, aber auch von Wut und Aggressivität. Schon als Kind kann sich vor diesem Hintergrund eine Strategie herausbilden, wie man trotzdem zu der für das Selbstwertgefühl so wichtigen Anerkennung und Aufmerksamkeit kommt. Indem man nämlich versucht, möglichst den Erwartungen anderer zu entsprechen. Diese Strategie steht auf wackeligen Füßen, weil man ja nicht immer nur die Erwartungen anderer erfüllen kann. So könnte zum Beispiel der Ehepartner erwarten, dass man mehr Zeit für die Familie aufbringt, während der Chef erwartet, dass man sich noch mehr in der Firma engagiert. Depressive verhalten sich oft sehr angepasst, sind konfliktscheu und haben Schwierigkeiten, Nein zu sagen. Die Strategie, Aggressionen aus Beziehungen auszuklammern, beinhaltet, dass man die Fehler nicht beim Gegenüber, sondern bei sich selber sucht. Die Aggressionen richten sich gegen das eigene Selbst. Welche Rolle Aggressivität bei depressiven Störungen spielt, kann man an der hohen Suizidrate erkennen. Diese liegt bei etwa zehn Prozent.


In welchen Formen kann eine Depression auftreten?


Schneider: Man kann depressive Störungen nach ihrem Schweregrad, also leicht, mittel und schwer, nach ihrem Verlauf, also einmalig, wiederkehrend oder chronisch, nach ihrer Ursache, also endogen, reaktiv oder neurotisch, oder nach ihrem Erscheinungsbild einordnen. So gibt es zum Beispiel die saisonal abhängige Depression, die regelmäßig in den Herbst- und Wintermonaten auftritt, die Wochenbett-Depression, die bei Frauen nach Entbindungen auftritt, die Altersdepression und die >>larvierte Depression<<, bei der sich die Depression hinter körperlichen Beschwerden versteckt.


Welche Therapien sind ratsam?


Schneider: Die leichte Form der Depression lässt sich in der Regel mit einer ambulanten Psychotherapie behandeln. Unterstützend kann eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein. Bei mittelgradigen Verlaufsformen kommt als Alternative die teilstationäre Behandlung in einer Tagesklinik in Betrachtung. Bei einer schweren Depression sollte immer die vollstationäre Behandlung wie in der Burghof-Klinik in Erwägung gezogen werden, schon wegen der hohen Suizidgefahr und der Tendenz zur Chronifizierung. Im Unterschied zu einer ambulanten Behandlung bietet der stationäre Aufenthalt neben einer psychotherapeutischen und medikamentösen Behandlung die engmaschige Betreuung des Betroffenen, begleitende averbale Therapie wie Gestaltungs- und Bewegungstherapie, Musiktherapie, soziotherapeutsche Maßnahmen sowie Entspannungsverfahren. Darüber hinaus kann die vorübergehende Herausnahme aus der aktuellen Lebenssituation für den Betroffenen sehr entlastend sein. Oft wird sich an die stationäre Behandlung eine ambulante Psychotherapie anschließen.


 

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